Sie befinden sich auf: Wallfahrtsland Sammarei » Seiten » Sammarei » Aktuelles
04.11.15 10:30 Alter: 4 yrs

Marias Augen führen zum Kind

 

Eine Betrachtung zum Fest Mariä Himmelfahrt von Domvikar Dr. Bernhard Kirchgessner

Kommt die Rede auf Marienfeste und Marienverehrung - und das Fest ihrer Aufnahme in den Himmel evoziert dies geradezu -‚ dann teilt sich die Katholikenschar rasch in zwei Fraktionen: in die Schar glühender Marienverehrer und die Gruppe jener, die der Verehrung Mariens eher kritisch gegenüberstehen. Beide, so scheint es, werden der Funktion Mariens im Heilsplan Gottes nicht so ganz gerecht. Spannend wäre es, Maria direkt nach der ihr gemäßen Weise der Verehrung befragen zu können, doch hat sie im Magnificat die Antwort nicht bereits gegeben?

Als Elisabeth bei der Begegnung der beiden schwangeren Frauen Maria „gesegnet“ und „selig“ nannte, da sie dem Wort Gottes vorbehaltlos vertraute, ging Maria mit keinem Wort auf Elisabeths Preisung ein, sondern setzte zu jenem grandiosen Lobpreis an, den die Kirche seil 2000 Jahren täglich im Abendgebet der Vesper spricht. „Meine Seele preist die Größe des Herrn und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter“. Mit diesen Worten stimmt Maria einen einzigartigen Lobgesang an, der allein Gott gilt. Die „Größe des Herrn“ preist sie, nicht eigene Größe. Ihm, dem Retter, gilt der Jubel, nicht geschickter Selbstinszenierung. Mit diesen wenigen Worten wird angesagt, dass Marienverehrung theologisch stimmig, in sich gut und berechtigt ist und keinen Selbstzweck dient, und dass Verehrung Mariens ein konkretes Ziel verfolgt: Maria verweist uns wie keine andere Gestalt des Neuen Testamentes auf Gott in Jesus Christus.

Das Wallfahrtsbild von Sammarei, welches in einer hölzernen Kapelle (vor 1521), über die der Abt vor Aldersbach im Jahr 1639 eine steinerne Kirche errichten ließ, verehrt wird, gibt dies in Öl auf Leinwand ganz wunderbar wieder. Es nimm an einem Original Maß, welches zwischen 1502 und 1504 für die Basilika St. Jakob in Straubing gemalt wurde und Hans Holbein zugeschrieben wird. Wie beim berühmten, nach1537 den geschickten Malerhände des Lucas Cranach entflossenen Passauer Mariahilfbild, ging die spätere Wallfahrt nach Sammarei nicht vor Original, sondern von der Kopie aus. Cranach wie Holbein zeigen Mutter und Kind, wobei beim Mariahilfbild Marias Blick dem Betrachter, bei Holbein hingegen allein dem Kind gilt. Die in blau gekleidete und von rotem Gewand umhüllte Maria sieht ihr Kind innig an; doch ehe sie dies tut, wurde sie, wie sie im Magnificat bekennt, zuvor selbst angeschaut - von Gott. „Auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut“. Und genau deshalb wird sie künftig von allen Geschlechtern selig gepriesen.

In einem uns überlieferten Magnificat-Kommentar des Jahres 1521 schrieb der Autor, Gott habe auf das arme, verachtete, unansehnliche Mädchen gesehen, obwohl es ihm ein Leichtes gewesen wäre, die Töchter reicher, hoher, edler und mächtiger Herren und Fürsten zu küren. Er hätte durchaus die Töchter der Hohenpriester Hannas oder Kajaphas erwählen können - allein, er hat auf Maria „seine ganz und gar gütigen Augen geworfen und so eine geringe, verschmähte Magd dazu gebraucht, damit niemand vor ihm sich rühme, dass er dessen würdig gewesen wäre oder sei“ und sie selbst bekennt, dass es „lauter Gnade und Güte Gottes“ und nicht eigenes „Verdienst und Würdigkeit“ sei. (204)

Der Verfasser des „Goldenen Buches“, der französische Marienverehrer Ludwig Maria Grignon de Montfört (1673- 1716) hat dies an die theologische Formel PER MARIAM AD JESUM, DURCH MARIA ZU JESUS gebracht. Und besagter Autor des Magnificat-Kommentars, dessen Namen ich am Ende der Betrachtung enthülle, hat es so in Worte gekleidet: „Wer sie (Maria) recht ehren will… soll sie in ihrer Niedrigkeit ansehen, danach sich wundern der überschwänglichen Gnade Gottes, der einen solch geringen, nichtigen Menschen so freigebig und gnädig ansieht, umfängt und segnet“ auf dass sein Herz in Glaube, Liebe und Hoffnung gestärkt werde. Unser schreibender Mönch fährt fort: „Was meinst du, kann ihr Lieberes begegnen, als dass du so durch sie zu Gott kommst und an ihr lernst, auf Gott zu trauen und zu hoffen, auch wenn du verachtet und vernichtet wirst.  ...Sie will nicht, dass du zu ihr kommst, sondern durch sie zu Gott.“ (212)

Mariens Augen zeigen diese Richtung klar an: Sie führen zum Kind, das wiederum die Mutter liebevoll anblickt. Da sprechen nicht nur Augen zu Augen, Herz zu Herzen, da sind beider Lippen nur wenige Millimeter voneinander getrennt. Im Zeichen des Kusses wird rechte Marienverehrung besiegelt: Die Mutter lehrt alle ihre Verehrer die Blickrichtung christlichen Lebens. Die Mutter lehrt uns, diesem Kind den Kuss inniger Verbundenheit und Zärtlichkeit aufzudrücken. Von ihr sagt unser Mönch, sie sei nur „Werkstatt“, in der Gott wirke. Niemand solle sie loben und ihr die Ehre geben - auch wenn sie zurecht Gottes Mutter heiße, „sondern Gott und sein Werk soll man in ihr ehren und loben.“ (217)

Was Martin Luther - so unser schreibender und in diesem Sinne Maria ehrender Mönch - dem Herzog von Sachsen im Magnificat-Kommentar 1521 übermittelt, was Hans Holbein in den zärtlichen Gestus von Blick und Kuss Mariens legt, das sei uns, den Freunden Mariens, Vorbild: Zu achten, was Großes Gott an Maria, der Mutter Jesu, und an jedem einzelnen von uns Gutes getan hat und tut und daraus eine schlüssige Konsequenz zu ziehen: auf ihn zu schauen und ihn mit allen Kräften zu loben und ihm zu danken. Aus tiefster Seele steige heute dieser Dank und Lobpreis auf; er forme sich auf den Lippen in Wort und Gesang und sei besiegelt im Zeichen des Kusses. Maria lehrt uns am Fest ihrer Aufnahme in den Himmel, wie an allen ihr gewidmeten Festen, eine Gottesbeziehung, wie diese zärtlicher und inniger nicht sein kann.